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Leitfaden zum Umgang mit religiösem Macht-missbrauch

Leitfaden zum Umgang mit religiösem Machtmissbrauch: Die Ampel

Dieser Artikel dient der Grundinformation über das Thema Religiöser Machtmissbrauch (RM) und als Selbsteinschätzunghilfe für Betroffene, inwieweit in ihrem Umfeld solcher Machtmissbrauch vorkommt. Der Text umfasst nicht den seelsorgerlichen, therapeutischen oder gemeindeberatenden Umgang mit RM. Er ist auch kein diagnostisches Inventar zur Feststellung oder zum Ausschluss von RM, falls ein Text bei der Komplexität und häufigen Verstecktheit von RM-Phänomenen das überhaupt leisten kann.

Jeder Mensch hat Macht und damit regelmässig die Wahl:
Setze ich die mir anvertraute Macht zum Guten oder Bösen ein? Macht ist erst mal neutral.

Wer allerdings die anvertraute Macht missbraucht, richtet ebenso nachhaltigen Schaden an, wie andere Formen des Machtmissbrauches, zum Beispiel sexualisierte Gewalt. Allerdings verkomplizieren wesentliche Unterschiede den Umgang mit geistlichem oder religiösem Machtmissbrauch:

1. Oft fehlt den schuldigen Personen nahezu jedes Unrechtsbewusstsein. Sie handeln subjektiv aus
vermeintlich ehrenwerten Motiven und glauben
mitunter sogar, dass ihr von anderen als missbräuchlich identifiziertes Handeln im Auftrag Gottes
geschehe. Ihre (unbewussten) machtmissbräuchlichen Motive sind oft für sie selbst und ihre als Täter und/oder Opfer in den Missbrauch verwickelte Umgebung kaum zu erkennen.

2. Wir unterscheiden mit fliessenden Übergängen zwischen:
a. gutem Gebrauch von Macht (grün)
b. Fehlern beim Umgang mit Macht, die jedem unterlaufen können (grün-gelb)
c. machtmissbräuchlichen Tendenzen bei grundsätzlich korrekturfähigen Christen bzw. Personen (gelb)
d. machtmissbrauchsbegünstigenden Strukturen
(gelb-rot)
e. sowie in Personen und Strukturen verfestigtem RM (rot)
Die Phänomene um den gelben Bereich finden wir häufig, die im Rotbereich zwar eher selten, dann aber mit weitreichendem Schaden und Kollateralschäden.

3. Geistlicher Machtmissbrauch kommt in Gruppen jeglicher theologischer Ausrichtung vor, zum
Beispiel sowohl bei «Konservativen» als auch bei «Liberalen». Er geschieht in stark hierarchischen Gruppen genauso wie in basisdemokratischen Strukturen. Machtmissbrauch kann von oben und von unten geschehen, d.h. von Leitungspersonen oder von einflussreichen Gruppenmitgliedern ohne Leitungsfunktion, deren Einflussnahme oft mehr oder weniger verdeckt erfolgt. Selbst mit einem überzogenen Vorwurf, dass religiöser Machtmissbrauch stattfindet, kann religiöser Machtmissbrauch betrieben werden.
Damit ist religiöser Machtmissbrauch ein komplexes, schambehaftetes, schwer zugängliches und «unappetitliches» Thema. Oft wird sogar mit Hilfe des (übertriebenen) Vorwurfes «geistlicher Missbrauch» Machtmissbrauch betrieben.
Die Ampelkennzeichnung soll dafür sensibilisieren, dass es im christlichen Bereich sowohl den guten Umgang mit religiöser Macht gibt, als auch den hochschädlichen, sich verfestigenden religiösen Machtmissbrauch. Im grossen Bereich dazwischen begegnen wir oft einem problembehafteten Umgang mit religiöser Macht, der bei uns fehlbaren Menschen weit verbreitet ist. Ein unguter Umgang mit Macht im gelben Bereich kann relativ leicht korrigiert werden (die Ampel geht auf «grün»). Ebenso kann aber auch ein schleichender Übergang mit sich verschlimmerndem Machtumgang die Ampel auf «rot» setzen. Für eine positive Entwicklung müssen sich hier alle (beteiligten) Christen bzw. Personen engagieren.

Definition
Religiöser Machtmissbrauch liegt dann vor, wenn Menschen zu etwas gedrängt werden, was sie von sich aus
nicht tun würden und die drängende Person davon einen Vorteil hat. Persönliche Grenzen Betroffener werden dabei übertreten und verletzt und geistliche/ religiöse Inhalte/Rituale als Mittel zur Manipulation genutzt.

• Die Motive («einen Vorteil für mich erlangen») müssen der machtmissbrauchenden, manipulierenden Person nicht bewusst sein. Manchmal ist das Übergehen der Willensgrenzen («Nötigung») sogar keinem der Beteiligten bewusst.
• Macht missbrauchende Personen erwecken regelmässig den Eindruck, dass das, was sie (zum eigenen Vorteil) erreichen wollen, der Wille Gottes sei, entweder aus der Bibel begründet oder prophetisch offenbart, oft auch gerechtfertigt durch eine vermeintlich generelle von Gott übertragene Vollmacht.

Grün!
Verantwortungsvoller Umgang mit Macht

1. Respekt vor der Leitung: Grundkonsens, dass Leitung
Machtbefugnisse braucht.

2. Erwünschte Kritik: Fehler (von Leitenden) dürfen angesprochen werden, ohne dass es negative Folgen
hat.

3. Hör- und Lernbereitschaft: Alle verstehen sich als Lernende. Impulse und professionelle Begleitung von aussen sind grundsätzlich willkommen.

4. Gottes Wahrheit und menschliche Begrenztheit: Es kommt zur Geltung, dass es durch Gott und in der Bibel geoffenbarte Wahrheit gibt, dass aber jeder menschliche Zugang zur Wahrheit (auch der von Leitenden) vorläufige, bruchstückhafte und fehlerbehaftete Züge trägt.

5. Offene, transparente und angstfreie Kommunikation: Kommunikationswege sind ausreichend definiert und werden auch so genutzt. Abweichende Meinungen dürfen geäussert werden und werden respektiert, auch wenn die Leitung ihnen nicht folgt.

6. Verantwortung, Machtbefugnisse und Teamstruktur: Leitung wird offiziell eingesetzt, gemäss den veröffentlichten Richtlinien/ der Gemeindeordnung. Gemeindeleitung geschieht grundsätzlich im Team.
Treffen die meisten der hier aufgelisteten Beschreibungen auf eine Gemeinschaft oder Gemeinde zu, ist systematischer religiöser Machtmissbrauch unwahrscheinlich.

Rot!
Systematischer Missbrauch religiöser Macht ist möglich:

• von offiziell Leitenden gegenüber Mitarbeitern/Mitgliedern (von oben nach unten),
• von Mitgliedern gegenüber Leitenden (von unten nach oben),
• auf gleicher Ebene (!) z.B. Wegmobben missliebiger Meinungen, Einflüsse, Personen.

Wir beschreiben sechs Warnhinweise für einen systematischen Machtmissbrauch. Einige dieser Hinweise werden durch Unterpunkte spezifiziert. Je mehr Elemente für eine Gruppe zutreffen, desto wahrscheinlicher liegt (oft massiver) religiöser Machtmissbrauch vor.

Achtung: Das Folgende muss systematisch, wiederholt, absichtlich vorliegen (oft trotzdem unbewusst eingesetzt), um als Warnhinweis zu gelten!

1. Verbiegung biblischer Begriffe und Lehren:
a. Bibelstellen werden aus dem Zusammenhang gerissen angewendet, um eigene Sichtweisen «biblisch» zu begründen.
b. Aneinanderreihung vieler kurzer Bibelzitate, um eine vorab beabsichtigte Aussage zu stützen.
c. Auslegung bestimmter Bibelstellen wird nicht offen diskutiert.
d. Begriffe wie z.B. Demut, Gehorsam, Rebellion, Glaube und Unglaube werden als Machtverstärker für Einflussreiche verwendet.
e. Feindbilder werden mit «biblischen» Lehren aufgebaut, um sich abzuschotten.

2. Immunisierung gegen Kritik (systematisch):
a. Persönlich: Auf Kritik regelmässig(!) reagieren mit: nicht hinhören, nicht ausreden lassen, gegenargumentieren, nicht reagieren, abwerten des Kritikers, beleidigt sein etc.
b. Menschliche Bodyguards: besonders loyale Gruppenmitglieder schützen vor jeder Kritik.
c. Immunität mit Hilfe des Amtes: Kritikverbot aufgrund «gottgewollter» Stellung
d. Überbewertung von Fehlern beim Kritisieren, um jede missliebige Kritik zu unterdrücken.
3. Systematisch (!) undurchschaubare Kommunikation:
a. Intransparenz durch Informationsflut: Wortflut als
Verständigungsbereitschaft ausgeben.
b. Information auf Umwegen: «Hinten herum» über abwesende Personen reden, um effektiv Menschen
gegeneinander auszuspielen und Macht zu verdecken.
c. Begriffe sanft umdeuten: Insider hören z.B.: «Wir müssen dem Leiter/der Leiterin gehorchen!» wenn
gesagt wird «Wir wollen doch Jesus gehorchen!»
d. Unscharf kommunizieren: Begriffe werden (zielgerichtet!) mehrdeutig verwendet: Z. B. «Unterordnung»
mal als Forderung, mal als blossen Wunsch. Personund kontextabhängig wechselnde Standards für erlaubte Kritik. Adressaten sind nie sicher, was
gemeint ist.
e. Wechseln der Ebenen mit dem (unbewussten?) Ziel zu verwirren, einzuschüchtern und zu manipulieren
(zwischen sachlich und persönlich, subtile Gegenangriffe).

4. Umgehung offizieller Autoritätsstrukturen durch
informelle Machtnebenpfade: Statt transparenter Autoritätsstrukturen, an denen sich auch die Praxis
orientiert:
a. Weitgehender Verzicht auf definierte Aufgaben und Befugnisse. Alle scheinen gleich. Einfluss oder Macht informell, schlecht kontrolliert. Wer am besten … hat die meiste Macht.
b. Auftrag ohne Macht, z.B. Aufträge wie «Mach unsere Gemeinde für junge Menschen attraktiver!», aber «Ändere nichts, ohne dass alle einverstanden sind!».
c. Das Wichtige wird von einflussreichen Personen
entgegen offizieller Strukturen hinter den Kulissen entschieden (Ehepartner von Leitenden oder manipulativ geschickte Mitglieder).
d. Es gibt offiziell ein Leitungsteam, faktisch passen sich aber alle Teammitglieder einem «Alleinherrscher» an.
5. Überschreitung klarer, ethischer oder gesetzlicher Grenzen im Zusammenhang mit Macht oder Einflussnahme: Hier ist RM nicht mehr wegzudeuten. Aber: Unterscheide ihn von Verleumdung! Gut auf überprüfbare Fakten achten!
6. Systematische Einflussnahme mit Hilfe von Angst: wie z.B. Einschüchterungen, Drohungen, Abwertungen, Schuldgefühle erzeugen (z.B. mit Hilfe der Überbetonung von Themen wie Zorn Gottes, Verdammnis, Hölle usw. oder subtiler: «kein guter Christ/gute Christin»,
wenn…).
Wer für sich persönlich feststellt, dass die Machtmissbrauchsampel der Gemeinschaft auf Rot steht, sollte professionelle Unterstützung suchen. Wenn auch so keine positive Entwicklung erreicht werden kann, ist es gewöhnlich besser, die Gruppe zu verlassen.

Gelb
Unguter Umgang mit Macht, unterhalb der Schwelle zum religiösen Machtmissbrauch.

Alltäglichere und damit viel verbreitetere Formen von schlechtem Umgang mit Macht und Einfluss zeigen nicht sogleich systematisch verfestigte Missbrauchsmuster, sondern es besteht (korrigierender oder vorbeugender) Kommunikations- oder Handlungsbedarf. Die meisten Menschen sind für gelegentlich machtmissbräuchliche Tendenzen anfällig. Wenn die Ampelfarbe Gelb bemerkt wird, ist dies auch eine echte Chance, hilfreiche Änderungen anzustossen und noch kein Drama.

In diesem Ampelbereich stellen wir «Entweder-oderFragen» zur Verfügung. Links spricht die Bejahung für einen günstigen Umgang mit Macht oder Einfluss. Ein Ja für die rechte Seite spricht für einen unguten Umgang mit Macht oder Einfluss. Es kann sich auch ein «teils, teils», oder «mehr oder weniger» ergeben.

Bei wenigen «Jas» rechts, dagegen vielen links, kann man die Ampel als «grün-gelb» ansehen, also fast schon grün. Bei vielen «Jas» rechts, dagegen wenigen links, muss man sich die Ampel «gelb-rot» vorstellen, also fast rot. Hier besteht grosser Handlungsbedarf. Gleichzeitig ist mit grösseren Widerständen gegen nötige Reformen zu rechnen. Hilfe von aussen ist ratsam.

Im «mittleren Gelbbereich» ist es wichtig und hilfreich, verstärkt Fragen des guten Umganges mit Macht oder
Einfluss konstruktiv zu thematisieren, ohne das abschreckende Etikett «religiöser Machtmissbrauch» zu verwenden. Besser bringt man konkrete fragwürdige Umgangsweisen zur Sprache und thematisiert, wie man sie erlebt. Im Idealfall reagiert das Gegenüber nachdenklich oder einsichtig und die Ampel wird heller. Wenn keine konstruktive zielführende Kommunikation innerhalb des Systems gelingt, ist Hilfe von aussen gefragt.

> Dieser Text ist eine stark gekürzte Fassung des «Ampelpapiers» zum Umgang mit religiösem Machtmissbrauch von Wolfram Soldan und Martina Kessler, das kostenlos auf der Homepage der Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD) zum Download bereit steht und auch bei der EAD kostenlos als Druckversion bestellt werden kann